WHO IS WHO – Dietrich Hahne

WHO IS WHO – Dietrich Hahne

Dietrich Hahne 2017 - Foto: Rebecca ter Braak

Letzte Woche wurde das diesjährige NOW! 2017 Festival eingeläutet. In seinem Rahmen wird an diesem Freitag, dem 27. Oktober 2017, auch Prof. Dietrich Hahnes Werk LA FIN DU DEVOIR (11Ch-Video, col-sw, 19:53, 2017 (UA)) aufgeführt (17:30 in der Neuen Aula der FUdK).

Wir möchten diese Gelegenheit nutzen um unseren langjährigen Professor für Komposition und Visualisierung sowie seine aktuelle Arbeit vorzustellen.

 

 

————————— Biografie —————————

Dietrich Hahne (*1961) studierte Komposition und Elektronische Komposition an der Folkwang Universität der Künste in Essen bei Wolfgang Hufschmidt und Dirk Reith. Es schloss sich ein Studium der Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien in Köln u. a. bei Werner Nekes und Dominik Graf an, das er 1994 mit Auszeichnung abschloss. 1997 plante er für das ICEM (Institut für Computermusik und Elektronische Medien) das AV-Medienstudio, dass er seitdem leitet. Realisiert werden konnte das AV-Medienstudio durch Mittel des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die im Rahmen mehrerer Forschungs- und Kunstprojekte / Arbeitskreise an denen er beteiligt war, akquiriert wurden. Seit 2004 ist er Professor für Komposition und Visualisierung an der Folkwang Universität der Künste.

Ausgehend von musikalisch-kompositorischen, d. h. zeitbasierten Techniken setzt er sich intensiv mit „immersiven Systemen“ im performativen, audiovisuellen Projekt auseinander. Seine ästhetische Definition von AtmoSphäre lautet: Sonifizierung–Visualisierung, Medienbühne–Medienraum, KlangOrt–KlangRaum, „Panorama“, in denen die Unterscheidung Bühne – Auditorium dynamisch gestaltet bzw. aufgehoben wird. Seit 2001 entstehen zahlreiche intermediale Werke, die die musikalische Immersion ins Bewegtbild (immersives MultichannelVideo) zu übertragen versucht. Seit 2014 beschäftigt er sich außerdem mit großformatigen FotoComputergraphiken. Hierin werden Fotos (aus Web, Video, Film) im Rechner dekonstruiert (fragmentiert) und zu extrem detailreichen neuen Kompositionen zusammengestellt. Die so entstehende „MetaNarration“ (Gleichzeitigkeit mehrerer ErzählEbenen) ist der Gleichzeitigkeit musikalischer Klangprozesse angelehnt.

 

————————— Drei Fragen an Dietrich Hahne —————————

  1. Angenommen, zeitliche Faktoren und dergleichen spielten keine Rolle: Gäbe es einen Musik fremden Studiengang oder eine Ausbildung, der oder die Sie heute reizen würde?

Geschichte. Kulturgeschichte. Technologiegeschichte. + Architektur.

  1. Stellen wir das Studieren, wie Sie es erlebt haben, dem Kompositionsstudium heute gegenüber. In wie fern hat es sich verändert?

 Die Freiräume heute sind erheblich kleiner geworden. Selbst an Kunstuniversitäten ist ein „Marktdruck“ spürbar, der vor (über) 30 Jahren weit geringer war! Von jedem wird inzwischen eine „Selbstvermarktung“ erwartet, die sich von „Selbstprostitution“ kaum unterscheidet.

  1. Haben Sie sich als Komponist durch das Unterrichten verändert?

 Ja. Natürlich! Schönbergs Diktum aufgreifend: „Das habe ich von meinen Schülern gelernt“ kann ich sagen, dass die künstlerisch-pädagogischen Erfahrungen der letzten 20 Jahre einen reichen Fundus darstellen. Wie sonst als durchs Unterrichten kommt man in Kontakt mit so vielen und verschiedenen und verrückten Ideen. Das hinterlässt Spuren. Keine Frage. Und es bringt einen selbst auf verrückte Ideen. In dieser Hinsicht fühle ich mich absolut privilegiert. (Allerdings gibt es und gab immer auch eine „Gegenwelt“, die ich von der pädagogischen/öffentlichen weitgehend fernhalte. Die ist ebenso wichtig.)

 

————————— Über LA FIN DU DEVOIR —————————

11Ch-Video, col-sw, 19:53, 2017 (UA)

„La fin du devoir“ bedeutet „Das Ende der Pflicht“. Bekanntlich ist der Begriff „Pflicht“ inhaltlich weit verzweigt. Mit ihm wird einerseits Strenge, Sittlichkeit und Streben nach ethisch verantwortlichem Handeln assoziiert. Im Kunstzusammenhang ist „Strenge“ (andererseits) eine Chiffre für hoch selbstkontrollierende, künstlerische Arbeitsweisen. Künstler haben nicht nur die „Pflicht“ „strenge“ Klang- und BildSysteme zu erfinden, sondern diese auch „streng“ auszuarbeiten um konsistente, im besten Fall innovative Werke zu schaffen. Mit dem „Ende der Pflicht“ wäre also auch das Ende der „Strenge“ eingeläutet, ein Vorwurf, der der ästhetischen „Postmoderne“ gern unterstellt wird: Unerträglich für die einen, Aufatmen bei den anderen. Ich habe in meinem Video versucht diese konträren Vorstellungen von „Strenge“ zu kombinieren. In der Musik sind z.B. strenge Form und Formwahrnehmung von untergeordnetem Interesse, während das Video extrem formalisiert und strukturiert erscheint. Die Gleichzeitigkeit dieser differierenden Erscheinungsformen läßt eine Spannung entstehen, die die intermediäre Wahrnehmung prägt – und in der Summe Neues entstehen läßt. –

Einer, der sich paradigmatisch aller Pflichten entledigt und damit auch noch eine Menge Ruhm einheimst, ist die Dichterfigur Baal, den Bertolt Brecht nach dem 1. Weltkrieg 1918/19 erfindet und im gleichnamigen Drama zum Leben erweckt. Volker Schlöndorffs Verfilmung (D 1969) des Brechtschen Dramas zeigt Baal im München der späten 1960er Jahre. Kaum jemand hat BAAL so gut dargestellt wie der junge Rainer Werner Fassbinder, der in Schlöndorffs Film den Titelhelden spielt. Ausschnitte daraus habe ich für mein Stück ausgewählt und kontrafakturiert. Das von mir verwendete Verfahren macht aus der Dramenfigur Baal ein audiovisuelles Objekt (u.v.a.), das dekonstruiert und mit musikalisch kompositionstechnischen Mitteln zu neuem, jetzt intermediär postnarrativem Leben erweckt wird – pbqi.