{"id":4817,"date":"2017-10-21T21:31:40","date_gmt":"2017-10-21T19:31:40","guid":{"rendered":"http:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/?page_id=4817"},"modified":"2018-08-15T21:55:09","modified_gmt":"2018-08-15T19:55:09","slug":"feuer-2-brennen-und-wachen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/artist-in-progress\/dokumentation-electroacoustics-meets-boen-uebersicht\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-2-brennen-und-wachen\/","title":{"rendered":"Feuer 2: Brennen und Wachen"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/\">-&gt; zur Inhalts\u00fcbersicht&#8230;<\/a><br \/>\n<\/em><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-1\/\">&lt;- zum vorigen Artikel&#8230;<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-3-kunst-und-ritual\/\">-&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230;<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Brennen<\/strong><\/p>\n<p>Am 02. Oktober 2017 sollte der 33. Menri-Trizin gegen 05:30 Uhr verbrannt werden. Bereits am Vorabend wurde jedoch angek\u00fcndigt, dass die Verbrennung sich vermutlich um zwei bis drei Stunden verschieben werde. Warum dem so sei, wurde nicht gesagt, der Grund daf\u00fcr offenbarte sich jedoch durch den Ablauf der Nacht ganz von selbst: Jedem der Anwesenden, ob Nonne, DorfbewohnerIn, M\u00f6nch oder BesucherIn, wurde unmittelbar vor dem Bewegen des Leichenschreins zum <a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/zum-begriff-ofen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ofen<\/a> die M\u00f6glichkeit gegeben, sich noch einmal pers\u00f6nlich vom Menri-Trizin zu verabschieden, indem sie oder er eine <em>Khatag<\/em> (tib. <span lang=\"bo\" xml:lang=\"bo\">\u0f41\u0f0b\u0f56\u0f4f\u0f42\u0f66<\/span>, Wylie: kha btags), einen wei\u00dfen Schal, vor dem Schrein des B\u00f6n-Oberhauptes niederlegte. Und diese letzte Verabschiedung jedes Einzelnen dauerte dann eben doch einige Stunden, beginnend gegen 4 Uhr Nachts.<\/p>\n<p>Zuvor wurde ruhig stehend, das Gesicht wie immer in Richtung der Wohnung des Oberhaupts gewandt, das Gebet gesungen, das sonst am Vormittag und bei Sonnenuntergang die Menge der Anwesenden zusammenf\u00fchrte und das beschriebene kollektive Innehalten in den sonst fein-beweglichen Klosterorganismus brachte.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine westliche Besucherin sind im Kloster von Dolanji nicht viele \u00fcberraschende oder einengende Regeln zu sp\u00fcren. Ich hoffe, dass dieser Eindruck auf einem funktionierenden Gesp\u00fcr beruht und nicht im Gegenteil darauf, dass ich gerade durch einen Mangel diesen Gesp\u00fcrs \u00fcber Monate Regel \u00fcber Regel zertrampelt habe, ohne mir dessen nur im Geringsten gewahr zu werden &#8211; die Geschichte hat gezeigt, dass man als Europ\u00e4erIn durchaus dazu in der Lage w\u00e4re.<\/p>\n<p>Drei Regeln sind jedoch so wichtig, das man sie selbst als Europ\u00e4erIn mitbekommt:<\/p>\n<p>1. Niemand, kein Besucher, egal ob weiblich oder m\u00e4nnlich, setze sich jemals auf die Sitzunterlagen der M\u00f6nche.<br \/>\n2. Man ziehe sich angemessen an.<br \/>\n3. Um sp\u00e4testens 20:30 Uhr hat der letzte nicht-monastische Besucher den Bereich innerhalb der Klostermauern zu verlassen.<\/p>\n<p>Die letzte Regel wurde ab der Vornacht des Verbrennungsrituals f\u00fcr drei N\u00e4chte aufgehoben, so dass es f\u00fcr jede und jeden m\u00f6glich war, die gesamte Nacht innerhalb der Klostermauern zu verbringen.<\/p>\n<p>Wenn eine Regel wie diese aufgehoben wird, die einen stark rhythmisch organisierenden Charakter hat, und wenn es von einer solchen Regel wirklich nur eine einzige gibt, die daf\u00fcr aber so ehern da steht, dass man trotz asiatisch-tibetischer Freundlichkeit und nachsichtigem Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber dem Fehlverhalten von BesucherInnen aus dem Westen auf einen m\u00f6glichen \u00dcbertritt dieser Regel ganz direkt hingewiesen wird, dann ist die Wirkung der Aufhebung einer solchen Regel umso gr\u00f6\u00dfer:<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der drei N\u00e4chte um die Verbrennung herum, in denen das Feuer im Ofen kontinuierlich \u00fcber 24 Stunden bewacht und am Brennen gehalten wurde, hoben sich durch Aufhebung der dritten Regel Unterschiede auf. Es war kein Unterschied mehr da zwischen dem, was am Tag und dem, was nachts rund um den Tempel geschah, und es gab keinen Unterschied mehr zwischen Monastischen und Nicht-Monastischen. Damit wurden extrem starke Kategorien nivelliert, und das erzeugt einen sp\u00fcrbaren Eindruck.<\/p>\n<p>Und als ob der in dieser Art wahrnehmenden Besucherin ein Hinweis auf die Richtigkeit ihrer Beobachtung gegeben werden sollte, verwandelte sich auch das Feld von Butterlampen vor der ehemaligen Wohnung des Menri-Trizin fortan in ein unterscheidungsloses Meer von Hitze und Licht: Die Lampen wurden nicht mehr formiert, weder zu Symbolen noch zu Schriftzeichen. Auch hier waren keine Unterschiede mehr zu sehen. Das einzige, worauf das Augenmerk der Betrachterin gelenkt wurde, war das Brennen des Feuers als solchem.<br \/>\nUnd nichts wirklich Bedeutendes schien mehr zu tun zu sein als dieses Feuer am Brennen zu halten: Das Feuer im Ofen von den drei offensichtlich extra daf\u00fcr ausgew\u00e4hlten M\u00f6nchen, die sich in ihrem Dienst abwechselten und daf\u00fcr anscheinend auch ihren gewohnten Wach- und Schlafrhythmus aufhoben. Und das Feuer des Meeres von Butterlampen von den M\u00f6nchen, Nonnen und BesucherInnen, die nur noch daf\u00fcr sorgten, dass ausgediente Lampenschalen wegger\u00e4umt und durch neu aufgef\u00fcllte ersetzt wurden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4818\" aria-describedby=\"caption-attachment-4818\" style=\"width: 480px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4818 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Butterlampen-Meer-480x280.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"280\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4818\" class=\"wp-caption-text\">Butterlampen-Meer im Tempelhof<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wachen<\/strong><\/p>\n<p>Der offiziell bekanntgegebene erste Teil des Plans f\u00fcr die Nacht vor der Verbrennung bestand darin, dass von 22:00 Uhr abends bis 03:00 Uhr nachts von Monastischen, Laien-Praktizierenden, sonstigen DorfbewohnerInnen und BesucherInnen das &#8222;Langes-Leben&#8220;-Mantra f\u00fcr Lungtok Tenpa\u2019i Nyima gesungen und <em>Kora<\/em> (&#8222;Umrundungen&#8220;, tib. \u0f66\u0f90\u0f7c\u0f62\u0f0b\u0f62, Wylie: skor ra) um den Tempel gemacht werden sollte. Parallel habe au\u00dferdem noch einiges andere stattgefunden, von dem ich selbst jedoch in dieser Nacht nichts mitbekommen hatte:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/dennisokp\/posts\/319596215173927\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.facebook.com\/dennisokp\/posts\/319596215173927<\/a><\/p>\n<p>Wie immer lag meinem Empfinden nach der Aktivit\u00e4t der Tempel-Umrundung auch in dieser besonderen Nacht kein Zwang f\u00fcr den Einzelnen auf. D.h. nicht <em>jeder<\/em> der oben Aufgez\u00e4hlten sollte als Individuum f\u00fcnf Stunden lang singend um den Tempel gehen, sondern der Strom der <em>Koras<\/em> und der Gesang des Gebets sollten kollektiv f\u00fcr f\u00fcnf Stunden aufrechterhalten werden. Es war jedem selbst \u00fcberlassen zu sehen, wann und wie lange man seinen Beitrag dazu leistete.<br \/>\nDass dies v\u00f6llig st\u00f6rungsfrei und in m\u00fcheloser Atmosph\u00e4re funktionierte, l\u00e4sst mich auch im Nachhinein wieder \u00fcber unser westliches Verh\u00e4ltnis oder unser Konzept von Individualit\u00e4t und Gemeinschaft gr\u00fcbeln. W\u00e4ren wir im Westen zu einer solchen gemeinschaftlichen Handlung f\u00e4hig? Noch dazu unter Einbeziehung eines relativ gro\u00dfen internationalen Besucheranteils? Ohne \u201eDienstplan\u201c oder Aufpasser, seien diese nun bewusst eingesetzt oder h\u00e4tte sich von selbst formiert? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Ich glaube, ich selbst bin in dieser Nacht gar nicht um den Tempel gegangen. Mich hat das \u201eWachen\u201c als solches zu stark in den Bann gezogen und erneut bei meiner christlichen Sozialisation angeklopft. Die sorgte daf\u00fcr, dass ich mich, w\u00e4hrend ich mich im Tempelhof des B\u00f6n Mutterklosters am Beginn des Himalayas befand und der Verbrennung des Abtes entgegensah, parallel in eine neutestamentarische Szene versetzt f\u00fchlte, die, soweit ich mich in dem Augenblick erinnerte, in der Nacht vor der Kreuzigung stattgefunden haben soll: Jesus sei mit seinen J\u00fcngern irgendwo nach drau\u00dfen in einen Garten gegangen (war dieser nicht auch in irgendeiner Art von \u201eHof?\u201c) und habe sie gebeten, mit ihm zu beten. Aber die J\u00fcnger schliefen st\u00e4ndig ein, und aus irgendwelchen Gr\u00fcnden, die mir schon als Kind nie wirklich verst\u00e4ndlich erschienen, war das f\u00fcr den sonst doch so verst\u00e4ndnisvollen und liebenden Jesus ein ungew\u00f6hnlich gro\u00dfes Problem, ja geradezu eine Entt\u00e4uschung. Auf dem Tempelhof sitzend hallte in mir die entsprechende Szene aus Bachs Matth\u00e4us-Passion wider, in der Jesus die J\u00fcnger rezitativisch fragt: \u201eK\u00f6nnt ihr nicht eine Nacht mit mir wachen?\u201c &#8211; und erweckten eine Art Kindslogik in mir, die zu dem festen Vorsatz f\u00fchrten, nun in dieser Nacht vor der Verbrennung des Abtes auf gar keinen Fall schlafen zu gehen, und zwar nicht zuletzt aus Neugier: Es scheint etwas auf sich zu haben damit, dass man vor Scheidemomenten bedeutender Pers\u00f6nlichkeiten nicht schlafen soll. Wenn ich herausfinden will, worum es dabei geht, ist wohl der erste Schritt, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und es einfach auszuprobieren.<\/p>\n<p>Auch, wenn der Abt ja eigentlich bereits tot war, der Vergleich mit Jesus also nicht so wirklich gegeben war, machte mir meine eigene Verkn\u00fcpfung mit der biblischen Szene deutlich, dass ich das Verscheiden des Abtes offenbar noch gar nicht in meine Realit\u00e4t aufgenommen hatte. F\u00fcr mich sa\u00df er in den Tagen seit meiner Ankunft in seiner Wohnung in einer Kiste und gab ein gro\u00dfes Abschiedsfest, bei dem er ununterbrochen pr\u00e4sent war und sich \u00fcber alle freute, die vorbeikamen. Eine Nacht vor der Verbennung des Leichnams f\u00fchlte ich mich wie eine Nacht vor dem Eintreten des Todes. Die wirkliche Realisierung des Todes vollzog sich f\u00fcr mich erst mit der Verbrennung des Leichnams.<\/p>\n<p>Ich war in dieser Nacht also mit \u201eWachbleiben\u201c besch\u00e4ftigt, empfand dieses aber wiederum nur dann als sinnvoll, wenn es nicht zur Qu\u00e4lerei wurde und entdeckte so zum ersten mal in meinem Leben den Minutenschlaf in aufrechter Haltung, etwas, was ich bislang nur von Erz\u00e4hlungen \u00fcber die arbeitende Bev\u00f6lkerung in Japan geh\u00f6rt hatte. Nach einer einzigen Einlage eines solchen im aufrechten Sitzen vollzogenen Kurzschlafs war ich k\u00f6rperlich und mental fit bis zum Abend des folgenden Tages.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob die Entdeckung des Minutenschlafs bereits das gewesen sein soll, worum es Jesus damals und nun vielleicht auch dem 33. Menri-Trizin oder zumindest den Klostervorstehern heute ging. Hier in Dolanji war diese Entdeckung aber zumindest ein Nebeneffekt, f\u00fcr den ich durchaus dankbar bin.<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-1\/\">&lt;- zum vorigen Artikel&#8230; <\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-3-kunst-und-ritual\/\"> -&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230;<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>-&gt; zur Inhalts\u00fcbersicht&#8230; &lt;- zum vorigen Artikel&#8230; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 -&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230; Brennen Am 02. 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