{"id":4823,"date":"2017-10-21T21:36:26","date_gmt":"2017-10-21T19:36:26","guid":{"rendered":"http:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/?page_id=4823"},"modified":"2018-08-15T21:56:21","modified_gmt":"2018-08-15T19:56:21","slug":"feuer-3-kunst-und-ritual","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/artist-in-progress\/dokumentation-electroacoustics-meets-boen-uebersicht\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-3-kunst-und-ritual\/","title":{"rendered":"Feuer 3: Kunst und Ritual"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/\">-&gt; zur Inhalts\u00fcbersicht&#8230;<\/a><br \/>\n<\/em><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-2-brennen-und-wachen\/\">&lt;- zum vorigen Artikel&#8230;<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/das-verbrennungsritual-1-mandalas-und-letzte-verabschiedung\/\"> -&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230;<\/a><\/em><\/p>\n<p>Der Versuch, ein Verbrennungsritual einer lebenden spirituellen Tradition nachtr\u00e4glich mit Worten zu beschreiben, vielleicht unterst\u00fctzt von Fotos und Videos, erscheint mir zunehmend als ebenso vergebene Liebesm\u00fch wie der Versuch eine k\u00fcnstlerische Performance oder gar eine ganze Oper durch erkl\u00e4rende Kommentare und Analysen denen n\u00e4herzubringen, die der Auff\u00fchrung jedoch niemals beigewohnt haben. Es liegt in der Natur einer Performance, dass verbale Erkl\u00e4rungen und Beschreibungen nicht das Miterleben der Auff\u00fchrung ersetzen k\u00f6nnen. Ansonsten w\u00e4ren schlie\u00dflich alle non-verbalen Elemente der Performance k\u00fcnstlerisch-kompositorisch redundant und ein Buch bzw. eine Lesung h\u00e4tten es auch getan.<\/p>\n<p>Auch im B\u00f6n gibt es so etwas wie Lesungen, z.B. rein verbale Rezitationen aus B\u00fcchern, selbst wenn letztere anders aussehen und andere Formate haben als wir es gewohnt sind. Es gibt au\u00dferdem etwas wie \u201ereligi\u00f6se Lieder\u201c, in dem Sinne, dass Stimme und Semantik hier ausreichen, um dem entsprechenden Inhalt in der entsprechenden Situation angemessenen Ausdruck zu verleihen.<br \/>\nAber es gibt eben auch multidisziplin\u00e4re \u201ePerformances\u201c, bei denen zu Klang und Semantik andere Ausdruckskategorien hinzukommen. Diese bestehen aus k\u00f6rperlichen Handlungen, dem Auftreten bestimmter Farben und Formen in Kleidung und Requisiten, dem Erzeugen von vorgeschriebenen Ger\u00fcchen, au\u00dferdem einem bestimmten Aufbau im Raum und sich auf diesen Aufbau beziehenden Bewegungen oder Bewegungsabl\u00e4ufen. Es sind dies tradierte Bewegungsabl\u00e4ufe, die vielleicht vor langer Zeit einmal vollbewusst komponiert worden sind. Und obwohl ich mir des gewaltigen Diskurses bewusst bin, der sich um das Thema &#8222;Kunst und Ritual&#8220; dreht, scheint es mir, w\u00e4hrend ich in Dolanji im Kloster bin, kaum einen Zweifel zu geben: Eine solch lang tradierte und alle Sinne mit einbeziehende Performance mit nennt man \u201eRitual\u201c.<\/p>\n<p>Einen wesentlichen Unterschied zur performativen Tradition der westlichen Kunst gibt es: Im Westen werden die Rituale weggesperrt. Oder, um es nicht ganz so verurteilend auszudr\u00fccken: Ihnen wird ein eigener Raum, eine eigene Infrastruktur zugewiesen, die mit dem Alltag des Durchschnittsmenschen eigentlich nichts weiter zu tun hat: Man findet sie im Betrieb der Konzert- und Opernh\u00e4user auf der einen Seite oder in den Diskursen und Veranstaltungen der verschiedenen Underground-Szenen auf der anderen Seite. Doch auch, wenn diese sich durchaus aus dem physischen Rum des Konzertsaales hinausbewegen, ist das Durchbrechen des inneren und kulturell-gesellschaftlichen Sonderraumes, in dem wir unsere Rituale untergebracht haben, damit noch lange nicht vollzogen, \u2013 falls dies \u00fcberhaupt das sein sollte, was wir anstreben.<\/p>\n<p>Mit dem Verbrennungsritual des 33. Menri-Trizin stehe ich nun in gewisser Weise einem performativen &#8222;Kunstwerk&#8220; gegen\u00fcber, dessen nat\u00fcrlich gegebener und allseits anerkannter Raum den Alltagsraum und Tagesablauf all jener organisch zu durchdringen und zu \u2013 ver\u00e4ndern scheint, die in diesem Moment mit ihm in Verbindung stehen. Nach dem &#8222;Kernritual&#8220; k\u00f6nnen die Anwesenden n\u00e4mlich nicht wirklich zur\u00fcckkehren in ihren fr\u00fcheren Alltagsraum. Denn dieser wurde durch das Ritual verwandelt, in ihm setzen sich die Konsequenzen der Ritualhandlung fort: Auch <em>nach<\/em> der ersten gro\u00dfen Hitze, die den Leichnam bereits verbrannt haben muss, brennt das Feuer weiter, bleibt der <em>Ch\u00f6rten<\/em> (tib.\u0f58\u0f46\u0f7c\u0f51\u0f0b\u0f62\u0f9f\u0f7a\u0f53\u0f0b , Wylie: mchod rten), der Verbrennungsofen, stehen und wird von denselben M\u00f6nchen weiter bewacht, die das Feuer innerhalb des Rituals auch entz\u00fcndet hatten. Und w\u00e4hrend die anderen M\u00f6nche ihre speziellen Kleidungsaccessoires, die sie w\u00e4hrend des Verbrennungsrituals angelegt hatten, wieder gegen ihre gew\u00f6hnlichen Roben eingetauscht haben, so behalten die \u201eH\u00fcter des Feuers\u201c, wie ich die drei M\u00f6nche, die das Feuer weiter bewachten, f\u00fcr mich im Stillen taufte, ihre roten Schwei\u00dfbinden und die ebenso roten dreieckigen Atemschutzt\u00fccher aus rein pragmatischen Gr\u00fcnden weiterhin an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4836\" aria-describedby=\"caption-attachment-4836\" style=\"width: 632px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4836 size-medium\" src=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Hueter-des-Feuers-3-632x355.jpg\" alt=\"\" width=\"632\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Hueter-des-Feuers-3-632x355.jpg 632w, https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Hueter-des-Feuers-3-768x431.jpg 768w, https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Hueter-des-Feuers-3-1020x573.jpg 1020w, https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Hueter-des-Feuers-3-600x337.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4836\" class=\"wp-caption-text\">Einer der H\u00fcter des Feuers (Gesh\u00e9 Dawa Namgyal)<\/figcaption><\/figure>\n<p>F\u00fcr meine westliche Seele war die Begegnung mit diesen &#8222;H\u00fctern des Feuers&#8220; ein wenig wie ein Film, der einfach um einen herum weiterging, nachdem man das Kino aber bereits verlassen hat. Als w\u00fcrde einem, nachdem man den letzten Teil des &#8222;Herrn der Ringe&#8220; angesehen hat, auf der Heimfahrt Aragorn in Person begegnen, dem diese Begegnung wiederum so selbstverst\u00e4ndlich ist, dass man noch nicht mal die Chance bekommt erstaunt zu reagieren. Stattdessen ist man drin in der Handlung. Sie ist Teil von einem geworden und setzt sich auch nach Ende des Films weiter fort.<\/p>\n<p>Statt mich also im Nachhinein von dem Ritual zu distanzieren, das mit ihm zu tun, was wir nach dem Besuch einer Auff\u00fchrung \u201eReflexion\u201c oder vielleicht \u201eAufarbeitung\u201c nennen w\u00fcrden, verlangen die Umst\u00e4nde in Dolanji von mir, mich vollst\u00e4ndig wie mit dem Erlebten zu vereinigen. Statt Separierung &#8211; Verschmelzung. Ein Beiseitelegen des Erlebten wie nach einem Opernbesuch, oder durchaus auch wie nach einem Kirchgang oder einer westlichen Beerdigung, ist nicht m\u00f6glich. Und etwas in mir ist zutiefst dankbar daf\u00fcr, f\u00fchlt sich genau dadurch gen\u00e4hrt, einbezogen und angenommen und auf eine wunderliche Art \u201egeheilt\u201c \u2013 ohne dass ich vorher je das Gef\u00fchl gehabt h\u00e4tte, dass eine Krankheit vorl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Inwiefern grenzen wir Teile von uns selbst aus, wenn wir die Kunst in ihrem eigenen Raum gefangen halten und sie ab und zu besuchen wie die Mannigfaltigkeit der Tier- und Pflanzenwelt in einem Zoo?<\/p>\n<p>Und wenn wir dies ver\u00e4ndern wollten \u2013 wo m\u00fcssten wir ansetzen? Au\u00dfen oder innen?<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/feuer-2-brennen-und-wachen\/\">&lt;- zum vorigen Artikel&#8230; <\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/das-verbrennungsritual-1-mandalas-und-letzte-verabschiedung\/\">-&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230;<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>-&gt; zur Inhalts\u00fcbersicht&#8230; &lt;- zum vorigen Artikel&#8230; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 -&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230; Der Versuch, ein Verbrennungsritual einer lebenden spirituellen Tradition<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"parent":4774,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"template-centered.php","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-4823","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4823"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6714,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4823\/revisions\/6714"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4774"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}