{"id":4879,"date":"2017-10-23T14:59:18","date_gmt":"2017-10-23T12:59:18","guid":{"rendered":"http:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/?page_id=4879"},"modified":"2018-08-15T21:58:16","modified_gmt":"2018-08-15T19:58:16","slug":"verbrennungsritual-4-raeume-und-wege","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/artist-in-progress\/dokumentation-electroacoustics-meets-boen-uebersicht\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/verbrennungsritual-4-raeume-und-wege\/","title":{"rendered":"Verbrennungsritual 4: R\u00e4ume und Wege"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/\"><em>-&gt; zur Inhalts\u00fcbersicht&#8230;<\/em><\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/verbrennungsritual-3-letzte-tempelumrundung-und-der-gewisse-moment\/\"><em>&lt;- zum vorigen Artikel&#8230;\u00a0<\/em><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/verbrennnungsritual-5-kuck-da-ist-die-seele\/\"><em> -&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230;<\/em><\/a><\/p>\n<p><strong>Zuschauerraum<\/strong><\/p>\n<p>Es war genauso erfreulich wie merkw\u00fcrdig, dass der ausgew\u00e4hlte Ort f\u00fcr das Verbrennungsritual Platz f\u00fcr genau die Menge an \u201eZuschauern\u201c bot, die tats\u00e4chlich anwesend waren, und immer wieder kreisen meine Gedanken um die Frage, wie sich das eigentlich im Vorhinein \u00fcberblicken lie\u00df. In Deutschland h\u00e4tte man den Ritualort wohl der maximal zu erwartenden Besuchermenge angepasst und ihn vermutlich vorsorglich auf einen nach allen Seiten hin offenen Acker verlegt, um einen flexiblen Umkreis f\u00fcr die unkalkulierbare Menge der Angereisten zu schaffen. Hier in Dolanji schien man es andersherum zu handhaben und die Zuschauermenge kurzerhand an das Fassungsverm\u00f6gen des Ortes anzupassen, an dem das Ereignis stattfinden sollte. Nur &#8211; wie macht man das?<\/p>\n<p>So, wie es beim f\u00fcnfst\u00fcndigen kollektiven Umrunden des Tempels keinen Plan und keinen Aufpasser gab, auch keinen selbsternannten oder spontan sich ergebenden, gab es auch keinerlei Formalit\u00e4ten f\u00fcr die Teilnahme an der Verbrennungszeremonie. Dabei ging die Einladung an die gesamte englischsprechende, mit dem Menri-Kloster \u00fcber die sozialen Netzwerke in irgendeiner Weise in Verbindung stehende Welt, und nat\u00fcrlich nicht nur an diese. Trotzdem wurde keine R\u00fcck- oder Anmeldung von den Anreisenden gefordert, keinerlei \u201eObergrenze\u201c war festgelegt, f\u00fcr deren \u00dcberschreitung man sich bereits im Vorhinein h\u00e4tte darauf einstellen m\u00fcssen, das Ereignis eventuell nur \u00fcber Monitore oder vielleicht sogar gar nicht mitverfolgen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMan konnte den Ort der Zeremonie aber auch nicht erst spontan an die tats\u00e4chliche Zuschauermenge angepasst haben, denn der Ort hing ja vom Standort des Verbrennungsofens ab, und dieser lag bereits fest, bevor wir uns \u00fcberhaupt entschieden hatten zu kommen.<\/p>\n<p>Es gab also keine f\u00fcr mich ausmachbare kontrollierende oder kalkulierende Instanz, die im Voraus h\u00e4tte \u00fcberblicken k\u00f6nnen, welche Zuschauerkapazit\u00e4ten der Ort der Zeremonie aufweisen musste, um eine befriedigende Teilnahme f\u00fcr alle zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nUnd trotzdem hatten alle Platz. So, als w\u00e4re dies das Normalste von der Welt, als k\u00f6nne es zu so einem Ereignis gar nicht anders sein, als dass alle den Raum zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen, den sie ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ritualraum<\/strong><\/p>\n<p>Noch bevor der Leichenschrein sich auf den Weg von seiner Wohnung zum Feuer machte und den Tempel dabei zum letzten Mal umrundete, str\u00f6mten ein Teil der M\u00f6nche und \u2013 eine Delegation der tibetischen Exilregierung aus Dharamsala auf das Ritualfeld vor die gro\u00dfe steinerne <a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/zum-begriff-ofen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ofen<\/a>-Empore. Nun, vom U-f\u00f6rmigen Kranz der &#8222;Zuschauertrib\u00fcnen&#8220; umgeben, nahm sich diese Empore ein wenig aus wie ein B\u00fchnenpodest, das den Ofen zum einen auf gleiche H\u00f6he mit dem Haupttempel des Klosters hob und ihn zum anderen zum h\u00f6chsten Punkt innerhalb des Ritualfelds machte.<\/p>\n<p>Die Delegierten aus Dharamsala nahmen ihren Platz vom Zuschauerraum aus gesehen rechts vorne vor der \u201eB\u00fchne\u201c ein. Links vorne wurden die Musiker und ein kleiner Tisch mit den Requisiten f\u00fcr das bevorstehende Ritual platziert. Dass die Gruppe von politischen Ehreng\u00e4sten direkt in das Ritualfeld hineingesetzt wird, l\u00e4sst mich w\u00e4hrend des gesamten Rituals immer wieder die Klarheit dar\u00fcber zur\u00fcckgewinnen, dass ich mich eben <em>nicht<\/em> in der Auff\u00fchrung irgendeines k\u00fcnstlerischen Werkes befinde, wie mein Verstand es der Einfachheit der Verarbeitung halber immer wieder gerne gehabt h\u00e4tte, sondern dass das hier \u201eecht\u201c ist \u2013 wie auch immer ich darauf komme, eine Trennung zwischen Kunst und &#8222;echt&#8220; vorzunehmen, und das auch noch als K\u00fcnstlerin.<\/p>\n<p>Der leicht surreale Eindruck, den die Gruppe von Politikern zwischen den M\u00f6nchen in ihren anl\u00e4sslich des Rituals angelegten tantrischen H\u00fcten und festlichen gelben \u00dcberw\u00fcrfen auf den roten Roben hervorruft, bleibt aber trotzdem nicht ganz aus. Es wirkt auf mich einfach ein wenig so, als h\u00e4tte man Angela Merkel samt Kabinett zur Rheingold-Premiere, statt sie in die erste Reihe oder in eine Loge zu setzen, kurzerhand in das B\u00fchnenbild selbst integriert.<br \/>\nWarum ich in meinem Vergleich bei Wagner lande, wei\u00df ich nicht. Spontan w\u00fcrde ich sagen, es liegt an der Menge der Geistwesen, von denen dort wie hier ausgegangen wird, in Kombination mit der Art des Anlasses, der mir mit einer G\u00f6tterd\u00e4mmerung einfach st\u00e4rker verwandt zu sein scheint als mit dem Plot von Peer Gynt.<br \/>\nVielleicht, und das w\u00e4re traurig, liegt es aber auch daran, dass ich, dem besonderen Anlass entsprechend, w\u00e4hrend der gesamten Woche auf besonders viele Yungdrung-Symbole geblickt hatte, linksdrehende Swastikas, zu deutsch: Hakenkreuze, geformt aus allen Arten von Material, die u.a. auf die Unverg\u00e4nglichkeit und Unzerst\u00f6rbarkeit des erleuchteten Buddha-Geistes und die Essenz des Yungdrung-B\u00f6n hinwiesen.<br \/>\nVielleicht ist die korrigierende Neuverkn\u00fcpfung eines so starken Symbols mit einem andern als dem zuerst von den Eltern und im Geschichtsunterricht gelernten Bedeutungsinhalt doch ein sehr viel l\u00e4ngerer Prozess als ich es wahrhaben m\u00f6chte. Und viele Heilungsrituale werden unter Umst\u00e4nden noch n\u00f6tig sein, bis die Reihe in mir denkender Ahnen beim Anblick des Symbols nicht augenblicklich in faschistoide Denkgr\u00e4ben f\u00e4llt und mir die Sicht auf die wirkliche Bedeutung des Geschehens, dem ich nun hier in den ersten H\u00f6henz\u00fcgen des Himalayas beiwohne, v\u00f6llig vernebelt. Denn das w\u00e4re traurig. Aber m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Gruppe der Delegierten wurde eventuell nicht nur aus Gr\u00fcnden der Ehre im Ritualfeld untergebracht, sondern die PolitikerInnen hatten m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich Aufgaben und Funktionen innerhalb der Zeremonie. Da der Menri-Trizin als Oberhaupt der gesamten Tradition ja nicht nur den spirituellen \u201eVorsitz\u201c, sondern auch politische Funktion hatte, halte ich dies f\u00fcr gut m\u00f6glich. Es ist meiner Beobachtung aber entgangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wege<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, es war, nachdem die Dharamsala-Delegation ihre Position im Feld eingenommen hatte, dass eine relativ gro\u00dfe Gruppe von M\u00f6nchen das Feld str\u00f6mte, um sich schlie\u00dflich in mehreren Reihen hintereinander vor der Empore, auf der der Ofen stand, aufzustellen. Ich sage \u201estr\u00f6men\u201c, denn was ich wahrnahm, war eine auffallend kontinuierliche, langsame und doch unaufh\u00f6rlich flie\u00dfende Bewegung von dicht hintereinander das Ritualfeld betretenden M\u00f6nchen. Diese Reihe str\u00f6mender M\u00f6nche begann, nachdem sie das Ritualfeld betreten hatte, sich auf dem Weg zu ihren Pl\u00e4tzen teils zu verzweigen, teils recht verschlungene Umwege zu gehen, die einer bestimmten Choreographie zu folgen schienen, welche so gelungen war, dass ich froh bin, sie auf Video zu haben, um sie zu k\u00fcnstlerischen Studienzwecken sp\u00e4ter noch einmal genauer ansehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gibt es im Westen eigentlich, au\u00dfer auf der B\u00fchne, einem der Sonderr\u00e4ume von Kunst, irgendein Ritual oder einen zeremoniellen Anlass, bei dem die Ausf\u00fchrenden \u201erunde Umwege\u201c gehen? Gibt es Anl\u00e4sse, bei denen der rituelle Gang nicht gleichzeitig auch der direkteste ist? Die organisch-verschlungene Choreographie der M\u00f6nche erinnernd, will mir nichts anderes einfallen als der Gang des Brautpaars zum Altar und das letzte Geleit des Sarges oder der Urne zum Grab. Beides geschieht auf direktem Wege. Die Bedeutung des Weges wird durch den Kontext und die Art des Gehens hergestellt, aber nicht durch den Weg selbst.<\/p>\n<p>Gibt es einen zeremoniellen Anlass, irgendeinen kulturellen Kontext, irgendeine Tradition au\u00dferhalb der B\u00fchne, in dem wir zur\u00fcckgelegten Wegen bedeutungsmitkonstituierende Funktion geben?<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/verbrennungsritual-3-letzte-tempelumrundung-und-der-gewisse-moment\/\">&lt;- zum vorigen Artikel&#8230;<\/a>\u00a0<\/em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/die-fuenf-elemente-electroacoustic-meets-boen\/reise-nach-menri\/dolanij-27-09-2017-04-10-2017\/verbrennnungsritual-5-kuck-da-ist-die-seele\/\"><em>-&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230;<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>-&gt; zur Inhalts\u00fcbersicht&#8230; &lt;- zum vorigen Artikel&#8230;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 -&gt; zum n\u00e4chsten Artikel&#8230; Zuschauerraum Es war genauso erfreulich wie merkw\u00fcrdig, dass der<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"parent":4774,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"template-centered.php","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-4879","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4879","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4879"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5506,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4879\/revisions\/5506"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4774"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}