{"id":5337,"date":"2017-11-10T08:22:45","date_gmt":"2017-11-10T07:22:45","guid":{"rendered":"http:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/?page_id=5337"},"modified":"2017-11-10T11:24:02","modified_gmt":"2017-11-10T10:24:02","slug":"zum-begriff-ofen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/zum-begriff-ofen\/","title":{"rendered":"Zum Begriff &#8222;Ofen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich verwende in meinen Berichten durchgehend f\u00fcr den Ort der Verbrennung das Wort &#8222;Ofen&#8220;. Der stupa-f\u00f6rmige Bau, der f\u00fcr die Verbennung des Menri-Trizin verwendet wurde, war aus Sicht der deutschen Sprache auch eben das: Ein Ofen. Ein wundersch\u00f6ner nat\u00fcrlich. Vielleicht einer dieser Lehm\u00f6fen, die drau\u00dfen hinter dem Haus W\u00e4rme geben, die manchmal noch ein Backfach haben und die mit Holz gespeist werden. Nat\u00fcrlich hatte der Verbrennungsofen in Dolanji kein Backfach&#8230;<\/p>\n<p>Und hier beginnt bereits das Problem der Konnotationen, von denen der Begriff &#8222;Ofen&#8220; noch viel st\u00e4rker aufgeladene mit sich bringt als die der Essenszubereitung:<\/p>\n<p>Wenn die Bereiche &#8222;Tod&#8220; und &#8222;Ofen&#8220; in Kombination erscheinen, dann beginnt der Plot von H\u00e4nsel und Gretel im Hintergrund zu laufen. Irgendwo um einen herum scheint die Hexe f\u00fchlbar zu werden und man ist irgendwie froh, dass das M\u00e4rchen ja am Ende gut ausgeht und demzufolge auch hier in Dolanji sicher alles in Ordnung sein werde.<\/p>\n<p>Beim kombinierten Auftreten der Worte &#8222;Mensch&#8220; und &#8222;Verbrennen&#8220; beginnt leise die Inquisition im kollektiven Erinnerungsraum Bilder ins Bewusstsein zu projizieren, und man muss deutlich dagegen halten, dass dieser Mensch dort in Dolanji ja nicht lebendig verbrannt wurde, sondern dass es sich um einen Leichnam handelt. Und au\u00dferdem sei das Verbrennen hier eine Tradition.<\/p>\n<p>Durch den so errungenen R\u00fcckzug der Inquisitionsbilder aus dem Konnotationsraum wird die Sache aber nicht wirklich besser, denn wenn man nun statt &#8222;Mensch&#8220; und &#8222;Verbrennen&#8220; die Konnotationsfelder &#8222;Leichnam&#8220; und &#8222;Ofen&#8220; kombiniert, beginnen stattdessen die Schornsteine von Ausschwitz im kollektiven sprachlichen Konnotationsraum zu rauchen, und das Geschehen um den Tod des B\u00f6n-Oberhauptes ist auf einmal von einer zutiefst bitteren Aura umgeben.<\/p>\n<p>&#8222;Krematorium&#8220; schlugen mir einige vor, als ich auf der Suche nach einem angemessenen Begriff war, der den Leser vor dieser Art unangemessenen Konnotationen bewahren w\u00fcrde. Aber ein Krematorium war das, was ich da in Dolanji vor mir sah, nun wirklich nicht. Ein Krematorium ist eine rein funktionelle &#8222;Institution&#8220;, absolut un-rituell, un-zeremoniell und unpers\u00f6nlich. Das Geschehen in Dolanji dagegen war pers\u00f6nlich, intim, jeden einbeziehend und dadurch zutiefst liebevoll.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Ch\u00f6rten<\/em>&#8220; (tib. \u0f58\u0f46\u0f7c\u0f51\u0f0b\u0f62\u0f9f\u0f7a\u0f53 , Wylie: <span class=\"mention-tr tr Latn\" lang=\"bo-Latn\" xml:lang=\"bo-Latn\">mchod rten<\/span><span class=\"mention-gloss-paren annotation-paren\">) wussten einige der westlichen Besucher, und ich war bereits froh damit eine L\u00f6sung gefunden zu haben. Google schien dem ebenfalls Recht zu geben. Ein <em>Ch\u00f6rten<\/em> sei das tibetische Wort f\u00fcr &#8222;Stupa&#8220;, der Form, die der Ofen hatte, und oft w\u00fcrden darin Feuerbestattungen vorgenommen werden.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Ich korrigierte den Begriff &#8222;Ofen&#8220; in allen Artikeln zu &#8222;Ch\u00f6rten&#8220; um und freute mich, nun einen angemessenen sprachlichen Zugang zur emischen Perspektive auf das Verbrennungsritual des Menri-Trizin gelegt zu haben.<\/p>\n<p>Nur, um mir den Begriff noch einmal &#8222;offiziell&#8220; best\u00e4tigen zu lassen, schrieb ich (<em>nach<\/em> meinen Korrekturen) pro forma eine kurze Nachricht an einen der B\u00f6n-Gesh\u00e9s aus Dolanji, der w\u00e4hrend der gesamten Verbrennungs-Zeremonie dabei war und in etwa wusste, woran ich gerade arbeitete. Dass es doch richtig sei, dass das tibetische Wort f\u00fcr &#8222;Rinpoche&#8217;s oven&#8220; <em>Ch\u00f6rten<\/em> sei, oder? fragte ich. &#8211; Er schien die Frage jedoch nicht recht zu verstehen und antwortete entschuldigend: Ein Ch\u00f6rten sei eine Stupa, kein Ofen. Er werde aber versuchen, das Wort, nach dem ich suchte herauszufinden&#8230;<\/p>\n<p>Daraufhin schickte ich ein Bild des Ofens mit der Frage, was das tibetische Wort daf\u00fcr sei. &#8222;\u0f66\u0f90\u0f74\u0f0b\u0f42\u0f51\u0f74\u0f44\u0f0b\u0f5e\u0f74\u0f42\u0f66\u0f0b\u0f66\u0f60\u0f72\u0f0b\u0f58\u0f7a\u0f0b\u0f50\u0f56&#8220; war die Antwort, die ich anschlie\u00dfend mit zwei tibetologischen Bekannten aufdr\u00f6selte und die demzufolge in etwa bedeutete:<\/p>\n<p><em>&#8222;Der Ofen\/Feuerplatz, dem der Leichnam\/die Reliquien einer ehrw\u00fcrdigen Person \u00fcbergeben werden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Womit ich wieder am Anfang war.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlegte kurz, ob ich nicht einfach das Wort &#8222;<em>Methab<\/em>&#8220; (tib.\u00a0\u0f58\u0f7a\u0f0b\u0f50\u0f56\u0f0d, Wylie: me thab; &#8211; die letzten beiden Silben in der Antwort des Gesh\u00e9s) einf\u00fchren sollte, das ja in dem Antwortbegriff f\u00fcr &#8222;Ofen&#8220; stand. Mir wurde aber von tibetologischer Seite davon abgeraten, und au\u00dferdem bringt die Einf\u00fchrung eines Begriffs nichts, wenn dieser de facto von niemandem, weder den M\u00f6nchen noch den Tibetologen noch sonst einem westlichen Besucher je so verwendet wird.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nne doch das Wort &#8222;Ofen&#8220; verwenden, schlug mit meine tibetologische Bekannte vor, und das dann mit einer Bemerkung versehen.<br \/>\nDies ist hiermit geschehen. Aber mein Magen grummelt dabei nach wie vor:<\/p>\n<p>Unsere Wahrnehmungen und Interpretationen der Wahrnehmungen sind zu einem gro\u00dfen Teil durch die Konzepte gepr\u00e4gt, die wir durch unsere Muttersprache erworben haben. Da es f\u00fcr die Objekte und Abl\u00e4ufe um den &#8222;Ofen&#8220; in Dolanji herum auf Deutsch kein entsprechendes Konzept gibt, wirkt die Verwendung des Wortes &#8222;Ofen&#8220; wie ein Filter. Dieser Filter blendet wichtige Details aus und erg\u00e4nzt durch Konnotationen solche, die wom\u00f6glich gar nicht da waren. Er deutet und interpretiert Dinge zu Zusammenh\u00e4ngen, die aus tibetischer Sicht so nicht existieren, und er tut das ganz besonders auf affektiver und unbewusster Ebene, &#8211; indem er eben, fast unbemerkt, die Hexe im Hintergrund auflachen l\u00e4sst, aber so, dass man es kaum merkt und nur denkt, dass &#8222;irgendwas aber doch ganz sch\u00f6n komisch ist bei den B\u00f6npos.&#8220;<\/p>\n<p>Einige Monate oder Jahre sp\u00e4ter, wenn man per Zufall einen Artikel in die H\u00e4nde bekommt, in dem gegen die schamanistischen und schwarzmagischen Praktiken des so genannten &#8222;alten B\u00f6n&#8220; gehetzt wird, der mit dem Yungdrung B\u00f6n nichts zu tun hat, wird dieses &#8222;ganz sch\u00f6n komische&#8220; Gef\u00fchl dann der N\u00e4hrboden f\u00fcr die ersten Zweifel: &#8222;Na, ob die nicht doch vielleicht auch diese Blutopfer machen und H\u00fchner schlachten?&#8220; &#8211; so f\u00fchrt das Konnotationsfeld des Begriffs &#8222;Ofen&#8220; von der &#8222;Hexe&#8220; zu &#8222;Teufel&#8220; zu &#8222;Satan&#8220; zu &#8222;Satanismus&#8220; zu &#8222;Blutopfer&#8220; zu &#8222;Voodoo&#8220; zu &#8222;Stammeskult&#8220; etc&#8230; Eine Konnotationskette, die jedoch nur auf Deutsch funktioniert und auf Tibetisch gar nicht stattfinden kann.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Art von Konnotationsketten im direkten Erleben und durch Reiseberichte wurden indigene Kulturen zu &#8222;Wilden&#8220; umgedeutet und waren die Missionare \u00fcberzeugt, Gutes zu tun, als sie aktiv an der Kolonialisierung mitwirkten.<\/p>\n<p>Das massive Problem an diesen Verkettungen besteht darin, dass wir uns als Europ\u00e4er gesamtgesellschaftlich immer noch zutiefst weigern, diese Mechanismen aktiv zu reflektieren. Wir distanzieren uns zwar oft lauthals von unserer kolonialen Vergangenheit, aber wir wollen nichts davon wissen, dass die Ursachen f\u00fcr diese geschichtlichen Ereignisse zum Teil in sprachlich bedingten Reaktionsweisen liegen, die sich in ihren Automatismen und Wirkungen damals wie heute in nichts unterscheiden.<\/p>\n<p>Das ist in jeder Sprache so, nicht nur auf Deutsch und nicht nur in Europa. Aber momentan sind &#8222;wir&#8220; die, von denen ein gro\u00dfer Teil der Welt existenziell abh\u00e4ngig ist. Wenn in einer tibetischen Exilsiedlung angenommen wird, dass man in Europa Kinder schlachtet, dann hat das nicht den geringsten Effekt auf die europ\u00e4ische Gesellschaft. Wenn sich aber in Europa auch nur der Eindruck durchsetzt, dass mit den B\u00f6npos vielleicht &#8222;irgendwas komisch ist&#8220;, dann stoppt das unter Umst\u00e4nden Geldfl\u00fcsse, die f\u00fcr die Exiltibeter existenziell sind und ver\u00e4ndert politische Sichtweisen (&#8222;Na, vielleicht sollten wir doch lieber mit den Chinesen&#8230;&#8220;).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird die jetzige Verwendung des Begriffs &#8222;Ofen&#8220; in diesen Berichten nicht dazu f\u00fchren, dass morgen allen Exiltibetern die Unterst\u00fctzung entzogen wird oder alle B\u00f6n-Kl\u00f6ster von Missionaren gest\u00fcrmt werden. So war es nie in der Geschichte. Es hatten sich nie erst alle lieb und dann, eines Morgens, wachte man pl\u00f6tzlich auf und begann &#8222;die Wilden zu zivilisieren&#8220;.<\/p>\n<p>Das Riskante an der Verwendung des Begriffs &#8222;Ofen&#8220; in meinen Berichten ist, dass ein Konnotationsfeld er\u00f6ffnet wird, wie ich es oben beschrieben habe. Dies kann zum N\u00e4hrboden f\u00fcr die Bewertung der B\u00f6n-Kultur im deutschen Sprachraum und dar\u00fcber hinaus werden, wenn man seinem englischsprachigen Bekannten abschlie\u00dfend sagt &#8222;It&#8217;s a pitty you cannot read these articles. They are really interesting. Even though&#8230; well, a little spooky, as well.&#8220; &#8211; schwupps, hat die Hexe die sprachliche Grenze \u00fcberquert und ist in ihrer Wirkungsweise in den englischen Sprachraum eingewandert. Nicht mehr als &#8222;Hexe&#8220;, sondern als Adjektiv &#8222;spooky&#8220;, das weitere Konnotationsfelder mit sich bringt, die sich fortan um den Begriff &#8222;B\u00f6n&#8220; legen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sprache ist Macht.<\/p>\n<p>Ich bitte dies beim Lesen der Berichte im Hinterkopf zu behalten. \u00dcber Ideen oder Hinweise f\u00fcr eine bessere Begrifflichkeit anstelle von &#8222;Ofen&#8220; bin ich dankbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verwende in meinen Berichten durchgehend f\u00fcr den Ort der Verbrennung das Wort &#8222;Ofen&#8220;. 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