{"id":5437,"date":"2017-11-23T09:21:38","date_gmt":"2017-11-23T08:21:38","guid":{"rendered":"http:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/?page_id=5437"},"modified":"2018-12-12T11:46:23","modified_gmt":"2018-12-12T10:46:23","slug":"von-der-ummoeglichkeit-einer-live-dokumentation","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/icem-www.folkwang-uni.de\/icem-web\/artist-in-progress\/dokumentation-electroacoustics-meets-boen-uebersicht\/von-der-ummoeglichkeit-einer-live-dokumentation\/","title":{"rendered":"Von der Umm\u00f6glichkeit einer live-Dokumentation"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen dieses Projektes gab es den Plan fortlaufend den Stand der Dinge zu dokumentieren.<br \/>\nRelativ schnell stellte sich f\u00fcr mich heraus, dass das so nicht zu machen ist.<\/p>\n<p><strong>Kulturelle Filter<\/strong><\/p>\n<p>Von Anfang an waren die Begegnungen und Gespr\u00e4che mit den M\u00f6nchen und Nonnen des B\u00f6n Teil dieses Prozesses. Die Kultur und Sprache der M\u00f6nche waren mir zu Beginn des Projekts dabei vollst\u00e4ndig unbekannt.<\/p>\n<p>Wenn man Menschen begegnet und mit ihnen in Kontakt tritt, von denen man weder Kultur noch Sprache kennt, bleibt einem zu Anfang gar nichts anderes \u00fcbrig, als diese Menschen und ihre Andersartigkeit durch die eigene kulturelle Brille wahrzunehmen. D.h. man interpretiert viele Situationen, Verhaltensweisen und Beobachtungen so, wie man es auf Grund seiner eigenen im Laufe des Lebens gesammelten kulturellen Erfahrungen und Konzepte tun w\u00fcrde. Die Interpretationen, die sich meist in Bruchteilen von Sekunden und \u00fcberwiegend unbewusst vollziehen, k\u00f6nnen positiv, negativ oder neutral ausfallen, haben aber in allen drei F\u00e4llen unter Umst\u00e4nden nicht viel damit zu tun, wie die Verhaltensweisen, Worte und Situationen aus der Perspektive der Mitglieder jener Kultur tats\u00e4chlich gemeint sind. \u201eEtische Perspektive\u201c nennt man diese Interpretation von Kultur. \u201eEmische Perspektive\u201c nennt man die Interpretation der Vorg\u00e4nge und Verhaltensweisen aus der Perspektive der Mitglieder einer Kultur selbst.<\/p>\n<p>Wie in allen Projekten, in denen Begegnungen mit anderen Kulturen eine Rolle spielen, geht es auch in diesem Projekt darum, sich einen Weg von etischer zur emischer Perspektive zu bahnen. Das ist ein langsamer Prozess und er vollzieht sich allm\u00e4hlich. So allm\u00e4hlich, dass nicht zu erwarten ist, dass er zum Ende des Projektes abgeschlossen w\u00e4re.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses Prozesses finden voraussichtlich die verschiedensten Arten von Missverst\u00e4ndnissen statt. Viele davon erscheinen \u201euns\u201c vielleicht gar nicht schlimm sondern wir finde sie eher lustig. &#8211; Aber auch was schlimm und was lustig ist, ist eine Frage der Perspektive. Missverst\u00e4ndnisse gerade in diesem Bereich k\u00f6nnen zutiefst kr\u00e4nkend sein.<\/p>\n<p>Der Weg der langsamen &#8222;Einstellung&#8220; des richtigen \u201eFilters\u201c ist ein interessanter und spannender Prozess, und ich finde, es lohnt sich ihn zu gehen. Es lohnt sich sicher auch, ihn kontinuierlich zu dokumentieren, aber es erscheint mir ziemlich ausgeschlossen diese Dokumentation \u201elive\u201c, wie etwa in einem Blog, zu ver\u00f6ffentlichen. Denn um dies zu tun, m\u00fcsste ich fortlaufend \u00fcber andere Menschen berichten. Dies jedoch nicht in der Weise, wie diese sich selbst sehen, sondern durch meinen eigenen, nicht richtig eingestellten Filter.<\/p>\n<p>Nun betrachtet man letztendlich jeden Menschen durch den eigenen Filter, ob dieser nun tibetischer M\u00f6nch oder der eigene Ehepartner ist.<br \/>\nDeswegen fragt man \u00fcblicherweise bei dem anderen nach, ob es OK ist, \u00fcber ihn zu schreiben und holt sich die entsprechende Autorisierung zur Ver\u00f6ffentlichung. Oft korrigiert man dann zuvor Stellen im Text gemeinsam, damit beide mit dem Ergebnis gl\u00fccklich sind. &#8211; Es besteht kein Zweifel, dass es richtig ist, in dieser Weise zu verfahren. Aber die live-Dokumentation des sich langsam vollziehenden Prozesses von etischer zu emischer Perspektive ist damit nicht merh existent. Erstens, weil die Texte dann eben bereits korrigiert sind, zweitens, weil durch die dauernden Gespr\u00e4che \u00fcber die Texte der Prozess selbst beeinflusst werden w\u00fcrde. &#8211; Sicher nicht zum Schlechten. Man k\u00f6nnte ein eigenes, neues Projekt daraus machen: \u00dcbereinander schreiben und dar\u00fcber sprechen&#8220;. Darum geht es hier aber nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Aufenthalte in den Kl\u00f6stern wurde von mir deswegen zwar ein Feldtagebuch gef\u00fchrt, aber dies diente, wie bei dieser Methode \u00fcblich, aus beschriebenen Gr\u00fcnden nicht der Ver\u00f6ffentlichung, sondern lieferte mir eine Art Grundlage f\u00fcr eine sp\u00e4tere Interpretation und gegebenenfalls Darstellung des Erlebten in entsprechend aufgearbeiteten Weise.<\/p>\n<p>F\u00fcr den ethnographischen Teil ist dies sicher verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>In diesem Projekt zieht das aber auch Konsequenzen f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen Teil nach sich.<\/p>\n<p><strong>Syn\u00e4sthesien und Abstraktionen<\/strong><\/p>\n<p>Die anf\u00e4nglichen Versuche einer dichten Beschreibung meines eigenen <em>k\u00fcnstlerischen<\/em> Prozesses f\u00f6rderte relativ schnell eine Erkenntnis \u00fcber einen Aspekt meines eigenen Komponierens zu Tage, der sowohl spannend wie f\u00fcr eine live-Dokumentation ung\u00fcnstig ist:<\/p>\n<p>Mein kompositorisches Denken wird offenbar stark durch die Begegnungen mit Menschen und die Wahrnehmung sozialer Vorg\u00e4nge mitbestimmt. Ich abstrahiere bestimmte Aspekte von Begegnungen oder Vorg\u00e4ngen in meiner Umgebung zu Formen bzw. formellen Abl\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Ein Mensch k\u00f6nnte z.B. in einer bestimmten Art sprechen, &#8211; vielleicht so, dass er immer an der aus meiner Perspektive interessantesten Stelle das Gespr\u00e4ch beendet. Wenn ich beobachte, dass dies wiederholt passiert, kann es geschehen, dass ich beginne dieses Gespr\u00e4chsverhalten unwillk\u00fcrlich als plastische und musikalische Form vor mir zu sehen. Ich sehe vielleicht ein Feld von lauter kleineren Einheiten vor mir, die alle in sich selbst crescendieren und dann abbrechen. Das \u201eFeld\u201c, in dem ich sie sehe, besteht aus Stille, die plastisch sichtbar wird als \u201eRaum\u201c, in dem sich einzelne verschiedenfarbige Gebilde befinden.<br \/>\nEs ist eine Form von Syn\u00e4sthesie, und diese darzustellen, ist kompliziert genug. F\u00fcr eine fortlaufende Dokumentation viel problematischer ist jedoch der Umstand, dass diese Syn\u00e4sthesie und Formbildung von anderen Menschen und ihrem Verhalten ausgel\u00f6st werden kann. Nicht nur von einzelnen, sondern auch von Gruppen.<\/p>\n<p>Doch damit bin ich wieder in derselben Lage wie bei meinem ethnographischen Tagebuch. Nat\u00fcrlich kann ich diese Vorg\u00e4nge f\u00fcr mich selbst notieren. Aber ich werde nicht dazu \u00fcbergehen k\u00f6nnen, die konkreten \u201eTrigger\u201c f\u00fcr die oben beschriebene Art der syn\u00e4sthetischen Abstraktion zu ver\u00f6ffentlichen. Denn damit m\u00fcsste ich zum Teil Details \u00fcber konkrete Menschen erw\u00e4hnen, die ich aus Respekt vor diesen und ohne deren Einwilligung nicht erw\u00e4hnen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte die Menschen anonymisieren. &#8211; Aber auch das geht nur bedingt, weil man in vielen F\u00e4llen, gerade bei tibetischen M\u00f6nchen, an bestimmten Dingen oder Umst\u00e4nden eben doch ablesen kann, um wen es sich in etwa handeln muss. Wenn ich deswegen aber nun alles ver\u00e4ndere, den Namen und den Ort und den Vorgang, wird der Sinn einer live-Dokumentation schlicht ad absurdum gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>L\u00f6sungsversuch<\/strong><\/p>\n<p>Um dennoch einen Einblick in das zu geben, was an Prozessen im Rahmen dieses Projektes stattgefunden hat, habe ich mich entschlossen, trotzdem ausgew\u00e4hlte Ausz\u00fcge aus meinem Reisetagebuch zu ver\u00f6ffentlichen. Es sind dies\u00a0 Ausschnitte, deren Inhalte so allgemeiner Natur sind, dass, so hoffe ich, keine Pers\u00f6nlichkeitsrechte verletzt wurden. Ziel der Ausz\u00fcge ist es, durch Stil und Auswahl des beschriebenen auch &#8222;zwischen den Zeilen&#8220; einen Eindruck davon entstehen zu lassen, wie sich pers\u00f6nliches, syn\u00e4sthtisches und &#8222;tats\u00e4chliches&#8220; im Sinne des obene Beschriebenen so ineinander schiebt, dass ein hoch subjektive Bilder entstehen. Ein Bilder, die keiner anthropologischen oder ethnologischen Pr\u00fcfung standhalten. Bilder, die nicht dem Eigenverst\u00e4ndnis der M\u00f6nche und Nonne des B\u00f6n entsprechen. Aber trotzdm Bilder, die wesentliche Durchgangsstadien dokumentieren, die ich, die k\u00fcnstlerische Forschende und Komponierende, durchlaufen habe.<\/p>\n<p>Ich habe mich im Versuch der Darstellung dieser Bilder an die Schwelle zur Literaturproduktion gebracht. Da ich keine Schriftstellerin bin, ist das Ergebnis in seiner Qualit\u00e4t naturgegeben nur m\u00e4\u00dfig. Ich entschuldige mich daf\u00fcr und hoffe, dass dies durch die Intention der Texte aufgewogen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen dieses Projektes gab es den Plan fortlaufend den Stand der Dinge zu dokumentieren. 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