HandReichung Tape Session

Für viele Studierende ist das Halten der “TapeSession” im 3. Studienjahr das erste Mal, dass sie einen öffentlichen Vortrag halten, der über ein Kurzreferat im Seminar oder in der Schule hinausgeht. Daher sollen hier einige allgemeine Hinweise gegeben werden, die helfen können, dass die zu haltende TapeSession gelingt.

Was waren und sind TapeSessions?

Die TapeSessions gibt es, wie der Name suggeriert, schon sehr lange. Sie stammen aus einer Zeit, als es noch gar kein ICEM gab und waren, wie auch noch im Namen steckt, eine Art Literaturkunde der (damals vornehmlich) elektronischen Musik. In dieser Zeit gab es auch noch eine Studienkultur, in der nicht jegliche Studienleistung mit Credits “bezahlt” wurde, und auch kein Internet, das zur Hauptquelle der Informationsbeschaffung diente, und so traf man sich und hörte Musik, die man nicht kannte, und an die man sonst auch nur schwer herankam. Zusätzlich erfuhr man von den Vortragenden (damals eine bunte Mischung aus Lehrenden und Studierenden) etwas über die Hintergründe der vorgestellten Musik. An der Tagesordnung waren Studio Reports (“Frühe Tape Music aus dem Studio der Columbia Universität”), materialorientierte Themen (“Stimme als Klangmaterial in der elektronischen Musik”), Stilbetrachtungen (“Cinema for the Ears als kanadische Weiterentwicklung der Musique Concrete”), Komponisten- oder Werkreihenportraits (“Die Funktionsstücke von G.M. Koenig”), die Vorstellung spezifischer Werkzeuge und der Musik, die mit ihnen gemacht wurden (“Das UPIC System von Xenakis: Kann man Musik malen?”) oder historisch/ästhetische Betrachtungen (“Wechselwirkungen zwischen bildender Kunst und (elektronischer) Musik”) etc.

Mit der Einführung des Studiengangs “integrative Komposition” wurde eine neue Währung in das Studieren eingeführt, die “Credits”. Da demnach nichts gilt, was keine Credits “wert” ist, nahm die Teilnehmerzahl an den TapeSessions drastisch ab. Die Lehrenden fanden das Format aber wichtig, und erachteten die geringen Teilnehmerzahlen häufig als mangelnder Respekt gegenüber den Vortragenden. Daher wurden die Tapesessions im Rahmen der verschiedenen Anpassungen der Prüfungsordnungen irgendwann formell als Pflichtveranstaltungen in die Ordnungen aufgenommen und kreditiert, und zu einem rein studentischen Format umgestaltet.

Ebenso wurde die Themenvielfalt in Richtung der anderen ZKF erweitert: Neue Instrumentalmusik, Komposition und Visualisierung, Popmusik, kamen hinzu, und auch weitere, z.T. sehr übergreifende Themen wurden in TapeSessions behandelt. Dabei geriet der ursprüngliche Gedanke, nämlich Musik zu hören und etwas über dieselbe zu erfahren, (leider) immer öfter in den Hintergrund.

Die TapeSessions, wie sie heute sind, geben den Studierenden, die sie halten, die Möglichkeit, ein für sie interessantes Thema zu vertiefen, und ihren Kommiliton*innen vorzustellen. Die Studierenden, die zuhören, können dabei interessante Dinge erfahren, die sie vorher noch nicht wussten. Sowohl das Halten, als auch das Zuhören einer TapeSession soll idealerweise für alle Beteiligten spannend sein und Spass machen.

Themenauswahl

Suchen Sie sich ein Thema, das natürlich relevant für aktuelles Komponieren ist, das Sie aber vor allem wirklich interessiert! Nur Dinge, die Sie selber spannend finden, können Sie auch für andere spannend rüberbringen. Besprechen Sie das Thema mit Ihrem Hauptfachlehrer und diskutieren Sie mit ihm eventuelle Varianten oder Spezifikationen.

Manchmal ist (oder wird während der Recherche) ein Thema zu groß oder zu komplex, um es in einer einzelnen TapeSession unterzubringen. Meist ist es dann besser, nicht das Thema in seiner ganzen Breite aber notwendigerweise dann oberflächlich darzustellen, sondern sich auf einen Teilaspekt zu fokussieren, den man ins Gesamtthema natürlich einordnen muss, bei dem man dann aber deutlich mehr in die Tiefe gehen kann. (Also z.B. nicht “Die Entwicklung der Popmusik”, sondern vielleicht “Die Entwicklung der Popmusik im Frankreich der 60er Jahre: Zwischen Chanson und French Pop”)

Vorbereitung allgemein

Unterschätzen Sie die TapeSessions nicht! Etwas, was man sich am Abend vorher zusammen”google”t und mit ein paar YouTube Clips medial aufbläst wird nur eine mäßige TapeSession. Spass macht das weder den Vortragenden noch den Zuhörenden.

Recherchieren Sie zum Thema! Auch wenn Sie meinen, schon alles zu wissen: Lesen Sie Bücher, hören Sie Musik, die Sie noch nicht kennen. Reden Sie mit KOmmiliton*innen und Dozent*innen darüber, lassen Sie sich Hinweise geben, wo Sie noch etwas zum Thema finden können. Wenn es ein kontroverses Thema ist, recherchieren Sie auch die Positionen, die vielleicht nicht die Ihren sind.  Pro- und Contra-Argumente sind Bestandteil jedes ernstzunehmenden akademischen oder sonstigen Vortrags.

Schauen Sie sich professionelle Vorträge an. YouTube ist voll davon. TED Talks gehören in der Regel zu den besseren. Fragen Sie sich: Wie erreichen die Vortragenden, dass ich “dran” bleibe? Was gefällt mir an dem Vortrag. Auch: Was gefällt mir nicht? Wie könnte man es besser machen.

Last, but not at all least: besuchen Sie die TapeSessions, ExMachina Werkstätten, Vorlesungen und Gastvorträge an unserer Hochschule und stellen Sie sich (und vielleicht auch der/dem Vortragenden) dieselben Fragen. Fragen Sie sich für Ihre tapeSession: Wie kann ich mich von der Masse der Vorträge unterscheiden, und meine eigene TapeSession zu etwas Besonderem machen?

Materialauswahl

Wenn Sie umfangreich recherchiert haben, haben Sie wahrscheinlich mehr Material, als Sie in einer durchschnittlichen TapeSession von ca. 1 Stunde präsentieren können. Identifizieren Sie die für Sie wichtigsten Punkte und lassen alles weg, was nichts zu diesen beiträgt. Seien Sie vorsichtig mit Verdoppelungen und Wiederholungen. Zwei Beispiele, die denselben Aspekt beleuchten, machen nur dann Sinn, wenn der Aspekt komplex oder in sich vielfältig ist, und Sie dessen Bandbreite darstellen wollen. (Z.B. die ganz unterschiedliche Auswirkung desselben Klangeffekts auf unterschiedliches Ausgangsmaterial.)

Lassen Sie zwar alle Dinge weg, die nicht zum Thema und Ihren Hauptpunkten gehören, aber lassen Sie nichts aus, was man zwingend wissen muss, um Ihnen folgen zu können. Gehen Sie nicht davon aus, das “wisse man ja sowieso”. Machen Sie keine (oder nur sehr allgemeine) Voraussetzungen über den möglichen Wissensstand Ihrer Zuhörer.

Andererseits: Unterschätzen Sie Ihre Zuhörer auch nicht. Verbringen Sie nicht allzuviel Zeit mit allzu Selbstverständlichem. Umgekehrt freut sich jeder, wenn er/sie von Ihnen etwas erfahren kann, was er/sie vorher noch nicht wusste. Daumenregel: Die Dinge, die Sie bei der Recherche überrascht haben, überraschen wahrscheinlich auch Ihre Zuhörer.

Diskutieren Sie Ihre Materialauswahl mit Ihrer*m Hauptfachlehrer*in.

Form und Struktur

Denken Sie unbedingt darüber nach, wie Sie Ihre TapeSession passend zum Thema gestalten. Ein KeyNote Vortrag mit Beispielen mag oft adäquat sein, aber vielleicht fällt Ihnen ja, statt dessen oder zusätzlich, noch etwas Besonderes ein: Eine Live-Demonstration, ein spannendes Intro, eine besondere Gestaltung des Raumes? Vielleicht verzichten Sie ganz auf die “Keynote” und verlassen sich nur auf Sprache und Musik? Vielleicht spielen Sie ganz viel Musik und reden insgesamt nur sehr wenig? Was gibt das Thema an Gestaltungsoptionen her?

Bringen Sie Ihre Gedanken, die Sie mitteilen möchten in eine Reihenfolge, die es dem eventuell unwissenden Zuhörer möglich macht, Ihnen zu folgen.

Diskutieren Sie ihre Form- und Strukturideen mit Ihrer*m Hauptfachlehrer*in.

Vorbereitung zur Präsentation

Üben Sie ihren Vortrag. Nur wenn Sie den Vortrag für sich selbst live sprechen, merken Sie, wo es “hakt”, und wo es noch nicht “rund” ist. Versuchen Sie, für diese Stellen eine alternative Gestaltung zu finden.

Machen Sie einen Probevortrag mit Probepublikum. (Ihr*e Lebensabschnittspartner*in, Eltern, Kommilitonen, der/die Hauptfachlehrer*in) Fordern sie Feedback ein, insbesondere dahingehend, ob angekommen ist, worauf Sie hinaus wollten und ob das Publikum “bei Ihnen” blieb oder zwischendurch gelangweilt war. Nehmen Sie Kritik von aussen ernst und versuchen, die Punkte abzustellen, wenn Sie nicht eine sehr guten Grund haben, das nicht zu tun.

Besprechen Sie mit dem Technikpersonal des ICEM darüber, was Sie für Ihre TapeSession benötigen, und was davon realisierbar ist. Es muss nicht immer “Beamer+3.5mm-Stereoklinke” sein. Die Anlage im Kammermusiksaal ist z.B. vierkanalig, das kann man nutzen. Ein Mischpult für verschiedene Quellen liesse sich auch auftreiben, wenn das benötigt würde…. Seien Sie auch hier anspruchsvoll, wenn es dem Vortrag dient, aber lassen Sie weg, was nur reine “Verzierung” wäre.

Frei sprechen oder ablesen

Wenn das freie Sprechen bei Ihnen nicht gerade fliessenden Angstschweiss auslöst, sprechen Sie frei! Sie können sich besser auf Ihr Publikum konzentrieren und den Kontakt mit ihm halten, als wenn Sie ständig in ihr Skript schauen müssen und nur gelegentlich Augenkontakt aufnehmen können. Ein Publikum, das direkt angesprochen wird, wird eher bei Ihnen bleiben, als eines, das “nur” ihren Text wahrnimmt. Schauspielertrick: Suchen Sie sich wechselweise jemanden im Publikum, den Sie direkt, pars pro toto ansprechen, und erklären Sie ganz konkret ihm oder ihr ganz engagiert Ihr Anliegen. Ihre Sprechweise wird dadurch persönlicher und Sie nehmen auch den Rest des Publikums mit, denn das wird sich genauso angesprochen fühlen. (Vergessen Sie nicht, den/die Angesprochene/n gelegentlich zu wechseln) Machen Sie sich eventuell Stichworte für den Ablauf (das können auch Notizen in der KeyNote sein) und überlegen Sie sich bei komplexen Sachverhalten Vorformulierungen, die Sie auswendig lernen. Reden Sie nie, während Sie gleichzeitig in Ihre Notizen oder den Bildschirm Ihres Rechners schauen oder den Rechner über das Weiterklicken der Präsentation hinaus bedienen müssen.

Andererseits: Wenn Ihnen das freie Sprechen schwer fällt, Sie merken, dass Sie ins Stottern und Haspeln kommen, oder der deutschen Sprache vielleicht nicht mächtig genug sind, über ein eventuell komplexes Thema frei vorzutragen, verschriftlichen Sie ihren Vortrag. Achten Sie dann aber darauf, dass Sie dabei nicht auch in eine Schriftsprache verfallen. Halten Sie trotzdem Ihre Sätze kurz und einfach zu sprechen. Verzichten Sie auf gar keinen Fall auf das “üben”, denn nichts ist schlimmer als ein komplexer (Schrift-) Text, der dann auch noch schlecht (weil ungeübt) vorgetragen wird. Sprechen Sie langsam und betonen Sie emphatisch, als ob Sie frei und engagiert sprechen würden. Versuchen Sie, obwohl Sie vorlesen, so oft wie möglich Augenkontakt mit dem Publikum aufzunehmen.

KeyNote/Powerpoint

Seien Sie sparsam! Man soll Ihnen zuhören, und nicht, ausser bei den Beispielen, den Medien. Nutzen Sie Bilder, wenn diese einen bestimmten Punkt Ihrer Darlegung unterstützen. Grafiken, (historische) Fotos, gelegentliche Videos (wenn Videos nicht ohnehin gerade Teil des Themas sind), Notenbeispiele etc. sind immer da sinnvoll, wo sie Aspekte Ihres Themas illustrieren, bei denen Sie ohne das Bild eventuell unendlich lange reden müssten. (Ein Bild sagt mehr als tausend Worte…manchmal). Seien Sie noch sparsamer mit Text. Den können Sie besser vortragen. Natürlich können Sie wichtige Stichworte zur Unterstreichung ihrer Wichtigkeit nochmal an die Wand werfen, wenn Sie meinen, das müsse sein, aber verzichten Sie darüber hinaus auf jeden Fall auf Verdoppelungen zwischen dem, was der Zuhörer lesen soll, und dem was Sie sagen. Auch wenn viele von Ihnen das so in der Schule gelernt haben: “Dotted Lists” sind extrem problematisch, denn als Zuhörer liest man, weiss dann schon, was Sie sagen werden und hört Ihnendann automatisch weniger zu! Verzichten Sie auch auf das, was in den meisten Lehrbüchern und Anleitungen steht: Präsentieren Sie nicht im Vorhinein den Ablauf ihres Vortrags, wenn Sie nicht gute Gründe haben, Ihre Zuhörer auf das vorzubereiten, was da kommt. Es nimmt Ihnen eine Möglichkeit zu überraschen. Verzichten Sie bei den Klangbeispielen auf Videos, wenn auf diesen nichts zu sehen ist, was für Ihren Vortrag wichtig ist. (Wenn Sie nicht gerade einen Vortrag über Visuelles machen!)

Zur Benotung

Die Benotung von TapeSessions ist auf Grund der Vielzahl möglicher Themen und Darstellungsformate schwierig. Hier können nur ein paar Hinweise gegeben werden, was sich positiv und was negativ auf die Benotung auswirken kann.

Wir Lehrende wollen, neben den Sachinformationen, auch und vor allem Ihre Haltung zum Thema kennen lernen. Wir wollen hören, wie Sie die Sachen sehen und hören. Wir wollen, dass Sie ihre Literaturquellen und Zitate mit anderen Quellen und Meinungen in Beziehung setzen und dann auf Ihre Weise interpretieren.

Wenn wir Lehrende das Gefühl haben, dass sich jemand nicht intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, und nur zu oberflächlichen Betrachtungen kommt, ist das in der Regel schlecht. Wenn in den Darlegungen Allgemeinplätze überwiegen und nicht wenigstens bei ein paar der Aspekte auch “in die Tiefe” gegangen wird, führt das in der Regel zu einer Abwertung bei der Benotung.

Ebenfalls zur Abwertung führt es, wenn wir Lehrende den Eindruck bekommen, Sie hätten sich über die Art der Darstellung keine Gedanken gemacht oder diese nur wenig vorbereitet Ein paar lieblose Texttafeln, eventuell noch ein Live Herumgestochere im Internet, das langwierige Suchen von Mediendateien auf dem Rechner etc. machen nicht den Eindruck einer guten Vorbereitung. Das Ringen nach Formulierungen ist ebenfalls etwas, was man im Vorfeld erledigen sollte, damit nicht während der Präsentation der Eindruck entsteht, man wisse nicht, wie man den jeweiligen Sachverhalt beschreiben soll.

Umgekehrt wird es positiv zu Buche schlagen, wenn Sie vermitteln, dass Ihre Darlegungen auf der Basis eines profunden Wissens entstanden sind, und Sie daraus eine eigene, differenzierte